„Nicht ich war die Gefangene, sondern die Soldaten waren in Wirklichkeit ihre eigenen Gefangenen.“
Ein Satz, der hängen bleibt. Einer, bei dem man kurz innehält und dann vielleicht nochmal von vorne liest. Ich bin ihm vor einiger Zeit begegnet und er hat mich nicht mehr losgelassen…
Er stammt von Dr. Edith Eger. Einer Frau, deren Lebenslinie durch das Unvorstellbare verläuft.
Spoiler: Du bist mehr als deine Geschichte.
Lebenslinien, die selbst das Dunkel tragen
1944 wird Edith Eger mit 16 Jahren aus Ungarn nach Auschwitz deportiert.
Sie erlebt Dinge, die sich kaum in Worte fassen lassen. Sie sieht ihre Mutter in die Gaskammer gehen. Und wird kurz darauf gezwungen, vor Soldaten zu tanzen. Allein dieser Satz fühlt sich falsch an und doch ist er Teil ihrer Geschichte.
Und trotzdem: Edith überlebt.
Später baut sie sich in den USA ein neues Leben auf, wird Psychologin, Traumatherapeutin und Autorin.
Was mich dabei besonders berührt ist nicht nur, was sie erlebt hat, sondern wie sie heute darüber spricht.
„Für die Soldaten in Auschwitz habe ich nur Mitleid übrig … sie waren es, die niemals frei waren.“
Ein Satz, der unsere gewohnten Kategorien ziemlich durcheinanderbringt und vielleicht genau deshalb so wichtig ist.

Du hast eine Geschichte. Aber du bist nicht deine Geschichte.
In meiner Arbeit mit den Lebensgeschichten meiner Klienten taucht dieser Moment immer wieder auf: Der Punkt, an dem jemand realisiert: Das ist meine Geschichte. Aber ich bin mehr als das.
Edith Eger bringt es auf den Punkt: „Du hast eine Geschichte, aber du bist nicht deine Geschichte.“
Das klingt erstmal schlicht. Fast zu schlicht. Gleichzeitig liegt darin eine enorme Freiheit. Denn solange wir unsere Geschichte sind, fühlt sich Veränderung oft an wie ein Angriff auf uns selbst.
Wenn wir sie aber erzählen können, mit etwas Abstand, vielleicht sogar mit einem kleinen Augenzwinkern hier und da, passiert etwas Entscheidendes: Wir wechseln die Perspektive. Vom gefangen sein hin zum Gestalten.

Vergebung – kein Geschenk für andere, sondern für dich
Zugegeben, Vergebung hat ein ziemlich schlechtes Image. Viele denken dabei an „alles gut finden“ oder „einfach vergessen“.
Jedoch: Darum geht es nicht. Wirklich nicht.
Vergebung bedeutet weder, dass etwas richtig war noch, dass es leicht ist.
Vergebung bedeutet: Ich entscheide mich, nicht länger darin gefangen zu bleiben!
Denn solange wir krampfhaft festhalten an Vorwürfen (gegenüber anderen, dem Leben oder uns selbst) zahlen wir einen hohen Preis in Form von Energie, Leichtigkeit und Lebensfreude. Und ja, manchmal auch den inneren Frieden, den wir uns eigentlich wünschen.
Oder, etwas salopp gesagt: Wir geben jemand anderem die Fernbedienung für unser eigenes Leben und wundern uns dann, warum ständig das falsche Programm läuft.
Was passiert, wenn wir unsere Geschichte erzählen
In den Gesprächen, die ich als Audiografin führe, erlebe ich genau diesen Wendepunkt.
Menschen beginnen zu erzählen. Erinnerungen sortieren sich. Manches bekommt zum ersten Mal Worte. Und plötzlich entsteht Raum.
Für Verständnis.
Für Mitgefühl.
Und manchmal (ganz leise) auch für Vergebung.
Die Vergangenheit verschwindet selbstverständlich dadurch nicht aber alles findet seinen Platz. Genau das verändert alles.

Wir haben immer eine Wahl
Eine der bekanntesten Aussagen von Edith Eger lautet: „Wir haben immer eine Wahl im Leben.“
Nicht, was uns passiert. Aber wie wir heute darauf schauen. Welche Bedeutung wir dem geben. Und vor allem wie wir unsere Lebenslinie weiterschreiben.
Deine Geschichte verdient es, gehört zu werden
Vielleicht kennst du das: Da sind Erinnerungen, die dich geprägt haben. Erlebnisse, die dich geformt haben. Momente, die noch immer nachklingen.
Und vielleicht ist da auch dieser leise Gedanke: Eigentlich müsste ich das mal erzählen.
Genau hier setzt meine Arbeit an. In meinen Audiografien halte ich Lebensgeschichten als persönliches Hörformat fest, als lebendige, hörbare LebensLinien.
Mit allem, was dazugehört: Brüche, Wendepunkte, Humor (ja, auch der hat meistens seinen Platz) und genau die Zwischentöne, die im Schreiben oft verloren gehen.
Denn deine Geschichte ist mehr als eine Abfolge von Ereignissen. Sie ist Klang, Stimme und vor allem Gefühl. Und vielleicht auch ein Schlüssel zum Verstehen. Zum Loslassen und zum Weitergehen.
Wenn du spürst, dass deine Lebensgeschichte gehört werden möchte, dann lass uns sprechen. Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt.

Denn manchmal beginnt Veränderung mit einem einfachen Satz: „Erzähl doch mal …“




Vom ersten bis zum letzten Satz inspirierend geschrieben! Dein Beitrag erinnert mich sogar an eine Geschichte vom Dalai Lama. Er erzählte, wie ein tibetischer Freund über 20 Jahre in chinesischer Gefangenschaft gefoltert wurde. Als dieser Mönch zurückkehrte, war er natürlich gealtert, aber psychisch fast unversehrt – lächelnd und frei von Traumata. Das verblüffte sogar den Dalai Lama. Ob der Freund denn nicht Verzweiflung und Angst empfunden habe? „Doch“, sagte der Mönch. „Ich hatte Angst davor, dass ich das Mitgefühl für meine Peiniger verlieren könnte, die so sehr unter Hass und ideologischer Verblendung litten.“
Danke für diese tolle und dazu passende Geschichte, lieber Thomas 😊