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Sommer 2018

Meine sechsjährige Tochter sitzt neben mir im Auto, knabbert konzentriert an ihren Salzstangen und ist ganz in einen Trickfilm auf ihrem Tablet versunken. Der Verkehr fließt ruhiger, als ich es gewohnt bin. Bevor wir endgültig auf die Autobahn auffahren, werfe ich einen letzten Blick in den Rückspiegel.

Acht Jahre leben in Frankfurt am Main liegen hinter mir und vor mir ein Ort, an dem meines vor 34 Jahren begonnen hat.

Chemnitz: Liebeserklärung an die „Ungesehene“.

Wo alles begann

1984 wurde ich im damaligen Karl-Marx-Stadt geboren. Zwei Jahre später zog meine Mutter mit mir zu meinem Vater nach Schmölln in Thüringen. Chemnitz blieb zurück und blieb doch präsent. Als Ort der Sommerferien, der Zeit bei meinen Großeltern und der Familienfeiern. Als Gefühl. Vertraut, ohne greifbar zu sein.

Als wir uns entschieden von Frankfurt nach Chemnitz zu ziehen, war das kein Plan mit Pro-und-Contra-Liste. Es war eine innere Stimme, von der ich mich leiten ließ. Das Gefühl, zurück zu müssen. Und der Wunsch, dass meine Tochter hier in die Schule kommt.

Meine Großeltern zogen in den 1950er Jahren nach Chemnitz, um zu studieren. Beide wurden Ingenieure. Meine Oma war die erste Ingenieurin ihrer Zeit und das stolze Aushängeschild der WISMUT, dem staatlichen Uranbergbauunternehmen der DDR. Mein Opa arbeitete ebenso überzeugt und leidenschaftlich. Sie sahen etwas in dieser Stadt, glaubten an Chemnitz und seine Zukunft. Chemnitz war für sie kein Kompromiss, sondern eine bewusste Entscheidung.

Vielleicht hat genau das auch mich unbewusst geprägt…

Zwischen Vorurteilen und Möglichkeiten

Als ich meinen Umzug in Frankfurt ankündigte, kamen sie prompt aus ihren Löchern – die düsteren Skeptiker aus dem Kollegenkreis:

„Wie kannst du zurück in den Osten gehen?“
„Da verdient man doch nichts!“
„Und sind die Leute dort nicht alle rassistisch?“

Ich hörte zu, nickte, erklärte manchmal. Und zog trotzdem um.

Die ersten Monate waren ernüchternd und lehrreich zugleich. Ich arbeitete in einer Immobilienfirma. Sehr hilfsbereite Kollegen, aber deutlich mehr Stunden als zuvor für weniger Geld. Auch das hatte man mir vorhergesagt. Und ja, es stimmte. Chemnitz verspricht einem nichts, was es nicht halten kann. Aber es nimmt einem auch nichts weg. Es lässt Raum. Zum Suchen und zum Umdenken.

Ich begann, meinen eigenen Weg in Richtung Freiberuflichkeit zu gehen – unkonventionell, holprig und mit Umwegen. Dabei begegnete ich tollen Unternehmerinnen, die ähnlich dachten, fühlten und handelten wie ich. Frauen, die ihr Leben und ihre Arbeit mit klarer Überzeugung selbst gestalteten.

Ein riesiges Dankeschön für dein großartiges Classefrauen-Netzwerk liebe Susann Riedel.

Ich begann, Chemnitz aus einem ganz neuen Blickwinkel zu sehen: als Stadt voller Möglichkeiten und verborgenem Potenzial.

Ich stellte fest: In Chemnitz ist bezahlbarer, schöner Wohnraum kein Mythos. (Indoor)Spielplätze sind sauber und hochwertig. Parks, Wälder und Seen laden zum Verweilen ein. Chemnitz überrascht mit zahlreichen kleinen Highlights – Veranstaltungen in versteckten Hinterhöfen, kleine Theater, Festivals und Events jeder Art.

Ich habe 18 Jahre in anderen deutschen Großstädten gelebt, in denen Wohnraum oft knapp und teuer ist. Die Aktivitäten (besonders für Kinder) oft überfüllt und überteuert waren. Hier erschien mir vieles überraschend möglich. Selbst ein eigener Bungalow am See in Chemnitz-Rabenstein (andernorts ein unerreichbarer Traum) war hier realisierbar.

Kennst du die Chemnitzer Wahrzeichen?

Da ist zuerst unsere Esse. 225 Meter hoch ragt sie in Altchemnitz in den Himmel. Ein Schornstein, bunt angemalt, ein Wahrzeichen, das alles ist, nur nicht klassisch. Andere Städte haben einen Dom oder Schlösser, Chemnitz hat Industriegeschichte in Farbe. Die bunte Esse steht da wie ein freundlicher Widerspruch. Unübersehbar schon von der Autobahn aus, sinnbildlich für diese Stadt: Nichts wird beschönigt, aber vieles neu gedacht. Selbst ein Schornstein darf bunt sein.

Und dann ist da der Karl-Marx-Kopf. Die über sieben Meter hohe Bronzeplastik wurde 1971 im damaligen Karl-Marx-Stadt enthüllt und zeigt Karl Marx. Wohlgemerkt, dieser hat die Stadt selbst nie betreten. Aus meiner Erfahrung sind die Chemnitzer hier geteilter Meinung: Viele sehen ihn als ein Stück Identität und Geschichte, andere meinen, er passt und gehört nicht hierher.

Gerade diese unterschiedliche Haltung macht ihn für mich typisch für Chemnitz: eigenwillig, unübersehbar und voller Geschichten.

Menschen, die bleiben

Während der Corona-Zeit lernte ich hier großartige Menschen kennen. Freundschaften, die nicht aus Leichtigkeit entstanden, sondern aus gemeinsamem Aushalten. Spaziergänge, Gespräche, Tiefe und Ehrlichkeit. Menschen, die mich seitdem durch Höhen und Tiefen begleiten. Chemnitz hat mir Menschen geschenkt, die nicht laut sind, aber zuverlässig und beständig, wenn man einmal ihr Vertrauen gewonnen hat.

Ein weiteres Geschenk ist für mich die Nähe zur Familie. Zu meinem Opa und zu meiner Oma. In ihren letzten Jahren konnte ich viel Zeit mit ihnen verbringen. Nicht zwischen Terminen, nicht nur an Feiertagen. Sondern wirklich. Gespräche, Erinnerungen und am Ende auch gemeinsames Schweigen. Diese Zeit hätte ich mir mit keinem Gehalt der Welt kaufen können.

Und genau diese Momente, diese Stimmen und Erinnerungen zu bewahren, ist für mich auch die Inspiration für meine Lebensgespräche in Chemnitz. Hier biete ich Menschen einen geschützten Raum, um ihre persönlichen Geschichten zu erzählen und als Hör-Erinnerung festgehalten.

So bleiben Lebenslinien, Erlebnisse und Begegnungen hörbar und spürbar, lange über den Moment hinaus.

Sommer 2025

Wir nähern uns im Schritttempo der Skyline von Frankfurt am Main, und ich spüre, wie sich mein Puls beschleunigt. Jahre sind vergangen, seit meinem letzten Besuch. Meine Tochter, inzwischen ein Teenager, versucht alles fotografisch einzufangen – selbstverständlich nicht ohne sich lautstark über die „Bugs“ an ihrem Smartphone zu beschweren.

Amelie begleitet mich zu einem beruflichen Termin in Mannheim, den wir mit einem Besuch in der Vergangenheit verbinden wollen. In den Tagen danach klappern wir sämtliche Hotspots unseres alten Lebens ab. Ich zeige ihr, wo sie geboren ist, wo wir gewohnt haben, die Spielplätze und die Kinderkrippe.

Am Nachmittag sitzen wir am Mainufer in Eddersheim. Die Sonne spiegelt sich auf dem Wasser und in der Ferne zeichnet sich die Skyline von Frankfurt ab. „Ist schon cool hier“, sagt Amelie schließlich. Ich lächle, nicke. Ja, es ist beeindruckend. Aber in mir fühlt es sich nach einem Besuch und nicht mehr nach Zuhause an.

Zurück in Chemnitz riecht die Luft nach Regen und Linden. Es fühlt sich an, wie Nachhausekommen.

Eine Stadt, die bleibt

2025 war Chemnitz Kulturhauptstadt Europas. Der Slogan lautete „the unseen – das Ungesehene“. Treffender hätte man es aus meiner Sicht kaum formulieren können. Diese Stadt wurde oft übersehen, unterschätzt, sogar abgeschrieben. Und vielleicht liegt genau darin ihre Stärke.

„In Dresden wurde regiert, in Leipzig das Geld verdient und in Chemnitz wurde gearbeitet“, pflegte mein Opa immer zu sagen.

Chemnitz ist keine Stadt der großen Gesten. Sie ist eine Stadt der Substanz. Heute höre ich darin keinen Mangel, sondern Stolz. Einen stillen, tragfähigen Stolz.

Chemnitz ist nicht schön im klassischen Sinne, wie Dresden oder Erfurt es sind. Aber es ist eine Stadt mit Tiefe. Ihre Schönheit liegt im zweiten Blick. Mein Resümee:

Ich bin zurückgekommen, weil ich musste.
Ich bin geblieben, weil ich hier wachsen konnte.
Chemnitz hat mir nicht alles leicht gemacht.
Aber es hat mir viel gegeben.


Und vielleicht ist genau das die größte Form von Schönheit: ungesehen und dennoch unvergessen.

Wenn du Lust hast, deine eigenen Lebenslinien hörbar zu machen, biete ich in Chemnitz und Umgebung meine Lebensgespräche an.

Ein geschützter Raum für deine Geschichte, aufgenommen in deiner Stimme und für dich bewahrt:

https://www.a-lamprecht-loewe.de/audiografie 🎙️

4 Kommentare

  1. Dein Text beschreibt das wirkliche Chemnitz (Chems/ Chams wie die Einheimischen sagen), viele schöne Stunden Hab Ich dort verbracht!
    Die Burg Rabenstein hat etwas sentimentales in mir Ausgelöst, viele Tage in Rottluff bei Opa Rudi(mein ex Schwiegervater) verbracht.
    Eine Stadt, die zu mir passt, viele sehr schöne Ecken, ja und ein paar die nicht soo attraktiv sind.
    Irgendwann kehre Ich zurück um zu sehen, was sich verändert hat!

    Antworten
    • Klingt nach schönen Erinnerungen, lieber Christian. Danke fürs Teilen deiner Erfahrungen 🥰

      Antworten
  2. Wunderschön geschrieben ❤️
    Ich hatte an manchen Stellen Gänsehaut und habe mich an einer Stelle gefunden.
    Ein toller Text

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    • Vielen Dank, liebe Nadine ♥️

      Ich ahne an welcher Stelle du dich gefunden hast 😉

      Antworten

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